Sandra Andrés
Freie Journalistin und Autorin

Eigene Artikel (hier gibt´s laufend Neues)     


Popstar Prypjat

Online-Beitrag

Habt Ihr Euch manchmal gefragt, was aus der verseuchten Gegend um Tschernobyl geworden ist? Wie es dort heute aussieht? Suede sind in ihrem neuen Video zu Life is Golden dieser Frage nachgegangen. 

Das ukrainische Prypjat war eine Kleinstadt für die Arbeiter des nur vier Kilometer entfernten Atomkraftwerks in Tschernobyl. Seit dem Reaktorunglück 1986 ist sie eine Geisterstadt. Genau das zeigt auch das Video der britischen Popband: Verlassene Wohnungen, von denen der Putz abbröckelt, ein verrosteter Autoscooter - Überbleibsel eines Vergnügungsparks, der nie eröffnet werden konnte -, ein leerer Pool, eine Turnhalle, Glassplitter überall. Doch nicht alles hat die radioaktive Verseuchung weggefressen. Bäume, höher als die Wohnblöcke, ragen triumphierend über die Betonwüste hinweg. Das sei auch die Botschaft im Video der Britpopper, so Regisseur Mike Christie: Die “unaufhaltbare Kraft des Lebens”. 








Golden glänzt auch die verrostete Poolhalle in Prypjat - doch Leben gibt es hier nicht mehr

Die Single Life is golden ist auf Suedes neuem Album, das am 21. September erschienen ist.

© Sandra Andrés 2018


Ein Hoch auf die Träumer

Filmkritik

In LaLaLand ist fast alles möglich. Singen und Steptanzen über den Hügeln von Hollywood, eine Welt grellbunter Farben, einfach Abheben und durchs Observatorium fliegen. Und trotzdem holt die Realität die Protagonisten bald ein.

Schauspielerin Mia und Pianist Sebastian sind auf der Suche nach dem großen Durchbruch in der Stadt der Träume. Dabei finden sie sich erstmal gegenseitig. Während sich ihre eigenen Träume immer mehr verwirklichen, merken sie, dass sie um ihre Beziehung immer mehr kämpfen müssen. 

Das Musical von Autor und Regisseur Damien Chazelle passt so gar nicht in die Reihe der Hollywood-Blockbuster der letzten Jahre. Es reiht sich jedoch schön in eine Serie von Klassikern ein, in denen gesungen, gesteppt und getanzt wurde und die bis heute unvergessen sind. Diesen und vielen anderen huldigt LaLaLand: Ryan Goslings (Sebastian) und Emma Stones (Mia) Tanz vor der Skyline der „City of Stars“ erinnert an Step-Traumpaar Fred Astaire und Ginger Rogers. Darauf folgen ein Date in Film-Rebell James Dean’s Sternwarte, ein Spaziergang durch Originalsets, durch Paris, und nicht zu vergessen einsame Solos am Klavier im Casablanca-Stil. Im großen Finale kommt Mia dann von allen Spelunken dieser Welt auch noch ausgerechnet in Sebastians. Auch für die, die nicht wissen, wer Fred und Ginger sind, ist das Musical interessant. LaLaLand ist bunt, aber nicht schrill. Eine klassische Liebesgeschichte, die doch perfekt ins 21. Jahrhundert passt. 

Das alles untermalt Chazelle’s Stammkomponist Justin Hurwitz mit abwechslungsreichen und stimmungsvollen Jazz-Rhythmen, die alles sagen, was man über den Film wissen muss. Dass die beiden Jazzfans sind, weiß die Filmwelt seit „Whiplash“, obwohl der im Kontrast zu LaLaLand die erbarmungslose Realität von Jazz-Musikern aufzeigte. Eines haben sie jedoch gemeinsam: beide Filme zeigen das harte, wetteifernde Leben junger Künstler, die kompromisslos ihren Traum verfolgen. Und auch Mia und Sebastian merken bald, dass ihre Träume einen Tribut fordern. Ob es diesen Tribut wert ist, zu zahlen, kann am Ende jeder Zuschauer für sich entscheiden. Zwei Stunden lang darf der Zuschauer mit Mia und Sebastian mitträumen, -schweben und -singen, bevor die große Karrierechance sie zurück in die Realität holt. 

Gosling und Stone sind keine professionellen Sänger. Das merkt man, aber trotzdem bringen sie ihren Teil glaubwürdig und sympathisch rüber. Und wenn Gosling tanzt, entschädigt das mindestens die Frauenwelt. 

Für manche mag schon der Titel zu kitschig oder sinnlos sein. Doch hoffnungslose Hollywood-Romantiker kommen bei LaLaLand voll auf ihre Kosten. Neben seiner Hommage an die Klassiker hat er durch glaubhafte Performances, starken Soundtrack und seine zeitlose Botschaft selbst großes Klassiker-Potenzial. Aber auch für Leute, die ein paar Stunden Unterhaltung mit guter Musik suchen, lohnt es sich, den Streifen zu sehen. Und ganz besonders für alle Narren, die nie aufhören, zu träumen.

© Sandra Andrés 2018



Netz-DG: Ein Gesetz für die reale Welt

Kommentar

Am 1. Januar ist in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nach Ablauf der Übergangsfrist in Kraft getreten. Das Gesetz verpflichtet Onlinenetzwerke dazu, Hassreden und sogenannte Fake News zu entfernen. Seitdem hat es viel Kritik geerntet. Journalisten befürchten Zensur, die Vereinten Nationen eingeschränkte Meinungsfreiheit.
Dabei sollten gerade Journalisten es besser wissen. Der deutsche Presserat gibt vor, dass Pressefreiheit endet, wo Schmähkritik beginnt und die Menschenwürde verletzt wird. Mehr als 45 Millionen Deutsche nutzen soziale Netzwerke*. Diese liefern den Nutzern täglich News und Kommentare. Sollte sich eine so große Plattform nicht an die gleichen Regeln halten wie andere Medien? Eine Radiosendung in der jemand sagt, alle Flüchtlinge sollten verbrannt werden, würde kaum gesendet, mindestens aber abgebrochen werden. Eine Tageszeitung, die Angriffe meldet, die nie stattgefunden haben, müsste eine Gegendarstellung verfassen. Das NetzDG hat nun die Regeln des Presserats auf das restliche Volk ausgeweitet, das sich regelmäßig in den sozialen Medien austobt. Stellt sich die Frage: Hat der Journalist gegenüber der Öffentlichkeit so viel mehr Verantwortung, dass diese Einschränkung nur ihn betreffen sollte? Zahlreiche User können Posts lesen. Sie liken menschenverachtende Kommentare und teilen Fake News. Damit kommt jedem User eine große Verantwortung zu. Wenn er verantwortungslos handelt, soll das NetzDG die Verbreitung der Hasskommentare und Fake News verhindern und den Schaden an der geschmähten Person mindern. 
Wenn soziale Plattformen wie Facebook der Meinung sind, dass ein Paar nackter Brüste der Welt nicht zuzumuten sind, dann sollten sie die gleiche Konsequenz bei Morddrohungen und Hasstiraden haben. Alles andere wäre Heuchelei.
In einer idealen Welt würden Onlinenetzwerke das wohl selbst erkennen und Journalisten nur gut recherchierte, nicht schmähende Artikel schreiben. Doch in der realen Welt braucht es dafür Regeln und Gesetze.

© Sandra Andrés 2018


Überraschend gut

Kritik (Konzert) 

Als sie die Bühne betreten, jeder hinter sein Instrument geht und keiner als Frontman hinter dem Mikro steht, kommt zuerst die Frage auf: Wo ist der Sänger? Dann beginnt das erste einer Reihe von Videos auf einer Leinwand hinter der Band. Alte Nachrichtenausschnitte, Demonstrationen, Reden. Der “Sänger” ist der Nachrichtensprecher, sind die schreienden Menschen, die NASA. Public Service Broadcasting spielen dazu: Keyboard, Gitarre, Bass - sogar Flügelhorn und Vibraslap, der - wie der Name prophezeit - dem Lied den abschließenden Schlag gibt. Die Band interpretiert Bilder, Gefühle, Stimmungen, Situationen. Seit 2009 sind sie als Gruppe zusammen, nachdem Gitarrist J. Willgoose anfangs Musik im Soloprojekt gemacht hatte. Ihr aktuelles Album, “Every Valley”, ist ihr drittes. Wie ihre Vorgänger hat es auch einen thematischen Schwerpunkt: die Minenindustrie. 

Im ungefähren drei-Minuten-Takt geht es weiter: Yuri Gagarin und Sputnik im perfekten Einklang mit der Musik. Stilistisch liegen sie dabei gar nicht so weit vom aktuellen Album der Editors entfernt: Elektronische Instrumente, eingängige Melodien, dramatische Wendungen. Doch das Ersetzen des Gesanges durch Kommentatoren, die Kombination von Nachrichten und Archivfilmen mit Instrumenten, das ist mehr als nur ein informativer Dienst für die Öffentlichkeit. Public Service Broadcasting haben tatsächlich geschafft, was im 21. Jahrhundert unmöglich schien: sie haben das Konzept von Musik neu erfunden. Und was fast noch erstaunlicher ist: Als nach 40 Minuten ihr Auftritt endet, wünscht man sich tatsächlich, dass sie noch ein Weilchen spielen würden. 

© Sandra Andrés 2018


 

RICHTER UND PSYCHOLOGEN MITSCHULDIG AN DREI TOTEN?

Übung Boulevardisierung

Frankfurt (Oder) - Der 24-jährige Jan G., der im Februar letzten Jahres seine Oma abgeschlachtet haben soll, steht derzeit vor Gericht. Dieses muss jetzt entscheiden, ob der mutmaßliche Täter in Therapie oder in den Knast soll.

Eine schwere Kindheit hat er gehabt. Im aktuellen Gerichtsverfahren erzählt er von Vergewaltigung und grober Vernachlässigung. Seine Mutter wechselt oft die Partner, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Bereits mit neun Jahren landet er zum ersten Mal in der Jugendpsychiatrie. Es folgen Drogensucht und Jugendheim. Schon da zeigt sich, wie gewaltbereit Jan G. ist: Als er entlassen wird, attackiert er einen Kollegen mit einem Messer. Er droht seiner Ex-Freundin und dem Partner seiner Mutter mit Mord. Dazu kommt Kleinkriminalität: er klaut Alkohol und Drogen, fährt ohne Führerschein. Ende 2016 steht er vor Gericht. Dieses lässt Jan G. laufen - weil ein Psychiater Schizophrenie diagnostiziert. Schizophrene müssen behandelt werden, nicht bestraft. Mit einer Packung Medikamenten ausgestattet, bringt das Gericht ihn bei seiner Oma unter. Sonst will ihn keiner. 

Als er am 28. Februar 2017 nach Hause kommt, ist er wieder auf Drogen. Nach einem Streit mit der 79-jährigen Grossmutter schlägt er sie mit Faust und einer Prozellandose brutal nieder. Dann sticht er zur Sicherheit noch mit einem Messer auf sie ein. Er habe ihr das Krankenhaus ersparen wollen, gibt der Messerstecher zu. Danach schnappt er sich das Auto der Großmutter und fährt mit einem Mördertempo rücksichtslos über die Landstraße. Auf einer rasanten Todesfahrt fährt er zwei Polizisten um. Die beiden Familienväter sind sofort tot. 

In einem neuen Gutachten kritisiert der renommierte Psychiater Hans-Ludwig Kröber seine Kollegen heftig. Er sagt, dass sie den Angeklagten in früheren Verfahren „psychiatrisiert“ hätten - das heißt, dass damalige Gutachter eine psychische Krankheit falsch diagnostiziert hätten und der Täter dadurch seiner gerechten Strafe entging. Kröber hingegen stellt eine Persönlichkeitsstörung fest. Er nennt den Angeklagten manipulativ und diagnostiziert ein „psychopathisches Verhalten“. Jan G. müsse ins Gefängnis, nicht in die Psychotherapie. Dort lerne er, sich an Regeln zu halten. Es bleibt zu hoffen, dass das Gericht auf den Gutachter hört und nicht die Fehler der Richter und Psychologen vor zwei Jahren wiederholt. 

Originaltext: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/eigene-grossmutter-ermordet-15375980.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 

© 2018 Sandra Andrés


 

Die Show muss weitergehen

Mini-Reportage

Die Sonne brennt auf den Frankfurter Römerplatz. Ein Bus verlässt ratternd und quietschend die Haltestelle. Eine Reiseführerin erklärt einer Gruppe Spanier die Geschichte der sechs Fachwerkhäuser. Englische Touristen bestellen Mandeleis in handgemachter Waffel, ein leichter Wind weht einer der Frauen die Haare ins Eis. Ein Mann in Wanderschuhen sitzt neben seinem Rucksack auf der Römerteppe und betrachtet wie die Leinwand für den IronMan im Wind schaukelt. Eine Clownfrau lädt auf einem Hocker zum Foto mit ihr ein. Das höchste Bankenhochhaus der Stadt leiht der Paulskirche einen zweiten Turm. Die Glocken des Doms verkünden viertel vor fünf.

Der Römer in Frankfurt ist nicht nur das Rathaus seit 1424, sondern auch eine beliebte Sehenswürdigkeit. Sein Namen hat nichts mit dem großen Imperium zu tun. Der damalige Frankfurter Bürgermeister kaufte das Gebäude von den Brüdern und der Witwe zum Römer für 800 Gulden. 

Auch Straßenkünstler versuchen ihr Glück an dem geschäftigen Ort. Die Clownfrau buhlt mit hupähnlichen Mundgeräuschen um die Aufmerksamkeit der Passanten. Die meisten gehen weiter. Dabei ist sie in ihrem rot-gelb-blau karierten Kostüm und dem grellroten Hut kaum zu übersehen. Manche lächeln im Vorbeigehen. Ein Mann bleibt stehen, wirft eine Münze ein. Sie umarmt ihn, die Blume auf ihrem Hut verbeugt sich vor ihm. 

Eine Straßenbahn, fast so bunt wie die Clownfrau, fährt vorbei. Ein großer, roter Van vor ihr blockiert jetzt mögliche Zuschauer. Sie packt ihr Körbchen und den Hocker und setzt sich in den Schatten gegenüber dem Gerechtigkeitsbrunnen. Justitia ist am Römer nicht blind. Die Frau sieht zu ihrer stolz erhobenen Waagschale auf. 

Sie zündet sich eine Zigarette an. Ein Kollege in schwarzem Frack, Samthose, spitzem, dreieckigem Hut und langen weißen Socken gesellt sich zu ihr. Sie unterhalten sich in fremder Sprache mit vielen sch. Ein Fußgänger rempelt ihn an und reißt ihm beinahe den Hut vom Kopf. "Oh!", ruft der schwarz bekleidete Mann nur. Der Fußgänger läuft weiter, beachtet ihn gar nicht. Der Freund im Frack raucht ein Weilchen mit der Clownfrau, dann zieht er weiter. Sie nutzt die Pause, um in einen kleinen, roten Spiegel zu schauen. Ihr Make-up ist bei der glühenden Hitze verronnen. Sie schminkt mit rotem Lippenstift nach, trinkt Wasser, zählt die Einnahmen in ihrem Korb. Ob es wohl reicht, um Feierabend zu machen? Noch lange nicht. 

Seit Stunden steht sie hier. Die langen Kleider kleben an ihr, verschwitzte Haarsträhnen quellen unter dem Hut hervor. Müde Augen blicken auf die Uhr. Sie packt ihr Wasser ein, steht auf und stellt sich wieder an den äußersten Rand des Schattens. Winkt, hupt, lächelt.

© 2017 Sandra Andrés



Woran Spanien wirklich zerbricht

Kommentar

Katalonien hat über die Unabhängigkeit abgestimmt. Sie haben gewählt, obwohl es Gesetz und Regierung verboten haben. Verfassungswidrig sei eine Wahl über einen Staatsbruch, laut Madrid. Aber die Katalanen waren ungehorsam. Gut so! Ungehorsam ist angebracht, wenn Gesetze demokratisches Verhalten verhindern.

Fast 2.000.000 Personen haben der Unabhängigkeit, oder einem eigenen Staat, zugestimmt. Wenn man bedenkt, dass es etwa 5.500.000 Katalanen mit Wahlrecht gibt, sind das gerade ein gutes Drittel.
Stellt sich die Frage, wieviele sich einschüchtern ließen und deshalb nicht abstimmten.

Kann man annehmen, dass nur wenige das Gesetz brachen um zu wählen, was ohnehin schon der derzeitige Standpunkt der Regierung ist? Lässt sich daraus schließen, dass nur ein Drittel der katalanischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist?
Das würde vor allem zwei Dinge bedeuten: erstens, dass es nicht so viele sind, wie die Spanier oft annehmen. Zweitens, dass die spanische Regierung vermutlich gewinnen würde, wenn sie ein tatsächliches, legales Referendum ansetzen würden, wie es zB die Schotten gemacht haben. Warum lässt sie dann nicht ein Volk auf legale und demokratische Art wählen? Warum schafft sie die Sache nicht ein für allemal vom Tisch? Zuviel Angst vor der leisen Dunkelziffer?
Stattdessen schaltet Madrid auf stur. Gegen die Organisatoren der Befragung (denn etwas anderes war es letztendlich nicht) leiten sie Strafmaßnahmen ein. Auf internationaler Ebene macht Spanien sich damit zur Lachnummer.
Was erreicht die Regierung mit dieser Angst vor einer Wahl? Nichts, als zu beweisen, dass die Demokratie nur auf dem Papier existiert; dass Präsident Mariano Rajoy keinen Dialog zulässt; und dass Leute, denen vor sechs Monaten die Unabhängigkeit noch völlig egal war, jetzt vermutlich dafür stimmen würden. Einfach, weil man sie verärgert hat, man ihnen ein Stimmrecht verweigert hat. Und weil sie keine Zukunft in einer Regierung sehen, die nicht verhandelt, in der sie ihre Meinung nicht sagen dürfen.
So schafft man es wirklich, einen totalen Bruch zu provozieren.

© 2016 Sandra Andrés


   

Unsicherheitskontrolle 

Glosse

Sommerzeit - Urlaubszeit. Um 9.25 Uhr steht Frau Sonne am Sicherheitscheck des Frankfurter Flughafens. Der Süden wartet auf sie. Brille, iPad, Handy und Schuhe ordentlich in Boxen sortiert. Ihre unter-100-ml Zahnpasta, ihr unter-100-ml-Parfum und ihre unter-100-ml-Handcreme in einer durchsichtigen Plastiktüte, extra. 

„Noch etwas in den Hosentaschen?“, fragt der Sicherheitsbeamte. Frau Sonne kramt ein verknittertes Taschentuch hervor. Gräbt tiefer und findet zwei Hundeleckerli. „Das muss weg“, weist der Beamte sie an. Sie wirft beides in den Mülleimer. Jetzt ist sie bereit für das erste Mal im lange umstrittenen Körperscanner. Wie auf den Stickern vor ihr angewiesen, streckt sie die Hände nach oben. „Bitte genau auf die gelben Zeichen stellen!“, ruft die Beamtin auf der anderen Seite. Frau Sonne sieht nach unten auf die gelb aufgemalten Füße und stellt sich darauf. Sie darf weiter. Am anderen Ende muss sie die Augen zusammenkneifen, um ohne Brille ihre Sachen ausfindig zu machen. Sie packt sie wieder in die Tasche. Alles kein Problem für Frau Sonne. Sicherheit geht vor. 

Nur eines wurde nirgendwo kontrolliert: ihr Ausweis und somit, ob Frau Sonne eigentlich Frau Regen oder Herr Meistgesucht ist. 

Bei ihrem Rückflug ist es übrigens genauso. Nur, dass ihre Plastiktüte für die Flüssigkeiten diesmal nicht korrekt geschlossen ist und sie eine neue braucht. „Beim Hinflug war das egal“, sagt sie lächelnd zum Sicherheitsbeamten. „In Frankfurt?“, fragt der Beamte. „Würde ich nie wieder von dort fliegen, wenn das so unsicher ist.“ 

© 2017 Sandra Andrés


Grabesstimmung statt Feuertanz

Rezension

Kurz nach neun Uhr gingen gestern in der Hessentagsarena in Rüsselsheim die Lichter an und die vierköpfige Indie-Band Kings of Leon betrat die Bühne. Einheitlich in schwarz-weiß gekleidet, starteten sie den Abend mit dem relativ langsamen, nostalgischen „Over“ aus dem aktuellen Album „Walls“.
Zuvor hatten Sänger-Songwriter Vincenzo Tunnera und die Newcomer Deaf Havana aus London für Stimmung gesorgt. Tunnera hatte es trotz kräftiger Stimme und solider Texte bei dem rocklastigen Publikum schwer. Seine akustischen Balladen passten gut zur Sommerabend-Stimmung mit Bier und Apfelwein, rissen aber nur wenige mit.
Deaf Havana betraten die Bühne mit viel Energie und gewannen beim Publikum schnell Sympathie. Trotz technischer Probleme und blendender Abendsonne kamen die eingängigen Rocksongs gut an, Sänger James Veck-Gilodi bewies Humor indem er über das 8€-Bier lachte und bedankte sich nach fast jedem Titel fürs Zuhören. In Deutschland noch kaum bekannt, stieg ihr Album in UK gleich auf Platz fünf ein.
Kings of Leon präsentierten einige Lieder aus ihrem neuen Album, unter anderem „Reverend“, „Find me“ und Namensträger „Walls“. Aber auch ältere Hits wie „Use Somebody“, „On Call“, „Pyro“, „Crawl“ und „Supersoaker“ und Klassiker wie Sex on Fire spielte die familiäre Band aus Nashville souverän. Im Hintergrund wurden stimmungsvolle Videos dazu eingespielt. Der Kontakt zum Publikum blieb trotzdem aus. Vielleicht lag es daran, dass Frontman Caleb Followill kaum zwei Sätze an die Zuschauer richtete, vielleicht war die Show zu souverän, hatte nicht genug Feeling, vielleicht ist das neue Album in Deutschland nicht so gut angekommen (obwohl es Platz zwei in den Albumcharts war). Vielleicht hatte Rüsselsheim auch einen von Garfields Montagen. Doch die Stimmung pendelte von Anfang bis Ende fast konsequent zwischen Pensionistenausflug und Beerdigung. Die Ballade „Walls“ verschwand irgendwo zwischen Gesprächen der stocksteifen Besucher. Nur bei „Sex on Fire“ stieg die Motivation kurzzeitig an und es wurde fest mitgegröhlt. Auch ihr letzter Beitrag und aktuellster Hit „Waste a Moment“ konnte das doch sehr junge Publikum nicht mehr animieren, und so vergeudete es auch diese letzten Momente wörtlich. Schade.
Nach knappen 90 Minuten gaben Kings of Leon auf und packten ein. Die Forderung nach Zugabe einiger weniger hartnäckiger Kämpfer konnte daran auch nichts mehr ändern.

© 2017 Sandra Andrés


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