Sandra Andrés
Freie Journalistin und Autorin

Eigene Artikel (hier gibt´s laufend Neues)     



LIEBE ALS LEBENSWERK

Portrait

Nasir Ahmad recherchiert im Netz bei potenziell radikalen Gruppen und spricht mit deren Anhängern. Dabei kommt er immer wieder ins Kreuzfeuer. Trotzdem macht er seine Arbeit weiter, in der Hoffnung, manchmal auf offene Ohren zu stoßen. 

Ich kenn’ dich, Muslim. Verlass’ das Haus nicht, sonst endest du mit einer Kugel im Kopf“. So lautet eine der Drohbotschaften, die Ahmad erhalten hat. Diese folgen auf Posts oder Kommentare in sozialen Netzwerken. 

Für die Huffington Post1 macht er Faktenchecks, hauptsächlich in Bezug auf die AfD. Sonst twittert2 er gegen hetzerische Posts, Aussagen oder Artikel, sieht sich selbst als Aktivist. Sein Werkzeug, der Computer, steht in einer Ecke zwischen dem geräumigen Wohnzimmer und dem Esszimmer mit breitem Tisch für zahlreiche Gäste, die er gerne empfängt. Hier verbringt der Angestellte einer IT-Firma seine Feierabende und viele Stunden am Wochenende. Derzeit ist er in der Gruppe Koran, Bibel & Thora3 unterwegs, die auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, sie möchte für Einheit unter den Religionen sorgen. Das sagen zumindest die Gruppenregeln, die zu Respekt und gegen Hetze aufrufen. Doch schon der Administrator der Gruppe mit über 16000 Mitgliedern ist unbekannt: Er nennt sich Tariq Ibn Ziyad - ein muslimischer Feldherr im achten Jahrhundert, der Südspanien eroberte4. 

„Was in der Gruppe betrieben wird, ist das Gegenteil von Dialog“, weiß der Ahmadiyya-Muslim und zeigt diverse Posts und Kommentare: Ein gefälschtes Bild seines Propheten mit einem Gewehr, ein anderes, wo er zwischen Mitgliedern des Ku-Klux-Klans montiert wurde. „Das ist das Niveau, auf dem wir uns hier bewegen.“ Hetze und Verfolgung sind für den gebürtigen Pakistani auch im realen Leben nichts Neues. Der dort geltende Artikel 295-C5 des umstrittenen „Blasphemie-Gesetzes“ verbietet herabsetzende Bemerkungen über den Propheten. Bei Missachtung drohen Strafen bis zum Tod. Pakistan sieht die Ahmadiyya als Blasphemiker und verbietet ihnen, Bezug zum Islam zu nehmen. Mit sieben Jahren ist Ahmad deshalb mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet. Auch in den sozialen Netzwerken reiche es manchmal, sich zu seiner Lehre zu bekennen. „Wenn ich sage, ich bin Ahmadiyya-Muslim, werde ich oft schon rausgeworfen.“ Dann nutzt er Fake-Accounts - derzeit drei. Schließen musste er noch keinen. Es sei nötig, zu beobachten, was in den Gruppen vorgeht. „Diese Gruppen wollen ihr Weltbild geschlossen halten. Aber das ist nicht stellvertretend für alle Muslime. Der Verfassungsschutz nennt weniger als ein Prozent radikale Islamisten. Der Rest sind friedliche Muslime. Manche wollen mit diesem Kram in Ruhe gelassen werden, andere schreien auf.“ Ahmad hat sich zum Aufschreien entschlossen. Nicht nur in den sozialen Medien. Auch an Podiumsdiskussionen und Interviews nimmt er teil. „Ich werde sogar von Leuten aus der Identitären Bewegung eingeladen, die sehen, ich positioniere mich gegen Islamismus und Terrorismus.“ Martin Sellner6, Chef der Identitären Bewegung in Österreich, folgt ihm auf Twitter. Kürzlich war er beim You-Tube-Kanal ProDissensio7 eingeladen. Der türkischstämmige Interviewer Kemal Cem Yilmaz vertritt selbst die Ideologie, dass Deutscher nur sein kann, wer deutsches Blut hat8. Die Diskussion mit Yilmaz ist hitzig geworden. „Ich wollte zeigen, dass auch türkischstämmige Leute Ideologien der Identitären Bewegung vertreten, das habe ich vorher nicht geglaubt.“ Ahmad wird von seinem fünfjährigen Sohn Yusuf unterbrochen. Er streckt ihm einen Lolli hin, den er aufmachen soll. Die Verpackung knistert, Yusuf steckt ihn freudig in den Mund. 

Der 34-Jährige hat weitere Gründe, sich Kritikern zu stellen, sich auf Diskussion einzulassen: „Ich will zeigen, dass ich dialogfähig bin. Die Leute sollen sehen, es gibt nicht DIE Muslime. Sie sollen zwischen Extremisten und liberalen, religiösen Muslimen unterscheiden. Alles kann missbraucht werden, selbst ein IKEA-Handbuch. Ich habe ein paar Schrauben vergessen, das Bett bricht auseinander und verursacht Schaden.“ Außerdem sieht er es als Gewinn an, mit unterschiedlich denkenden Leuten zu sprechen. „Wir dürfen Leute mit extremistischer Ansicht nicht als verloren ansehen. Man muss sie an Land ziehen.“ Dafür erntet er Kritik von allen Seiten. „Die rechte Blase bezeichnet mich als linksradikal, als Marxist. Aber ich habe auch konservative Positionen.“ Auch seine Wohnung ist eine Mischung zwischen Moderne und Tradition: In dem geräumigen Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher vor einem schwarzen Ledersofa. Die Kalifen der Ahmadiyya seit ihrer Gründung 1889 überschauen den Raum von einem Regal an der gegenüberliegenden Wand. 

„Mama ist da!“, tönt es einstimmig von Yusuf und seinem Bruder Amin, die aufspringen, als sie die Haustüre hören. Am Nachmittag hatte Ahmad Kinderdienst, seine Frau war bei Freundinnen. 

„Viele Linke sagen: Mit Rechten redet man nicht. Ich sage: Man kann mit allen reden, es gibt Resultate.“ Diese seien die Fälle, wo Ahmad merkt, seine Arbeit lohnt sich. „Im Januar hat mich Marvin angeschrieben. Er wollte mir Fragen stellen, hat gesehen, dass ich dialogfähig bin. Ich habe mir Zeit genommen.“ Nachdem der 23-jährige AfD-Wähler mit Flüchtlingen in Verbindung getreten war, begann er, seine Ideologie zu hinterfragen. „Sein Weltbild war: Muslime sind Untermenschen, die man abschlachten muss. Wir haben oft telefoniert, er hat sich mittlerweile von der AfD und dem Rechtsradikalismus entfernt.“ Beeinflusst hätten Marvin YouTuber wie Shlomo Finkelstein9, dessen Kanal Die vulgäre Analyse mittlerweile gesperrt ist, und dem eine Anklage wegen Volksverhetzung droht. „Finkelstein hat den Koran verbrannt und darauf gepinkelt. Das hat Marvin gesehen, hat sich überlegen gefühlt. Das ist kein Einzelfall.“ Mittlerweile schreibt er mit Marvin fast täglich. „Das ist der Part, wo meine Arbeit mich unglaublich glücklich macht.“ Auch ein Salafist aus der Schweiz hat ihn kontaktiert. „Er war kurz davor, nach Syrien zu gehen. Dann hat er meine Beiträge gesehen, sein Bild in Frage gestellt. Ich habe mit ihm über Demokratie gesprochen, ihm gesagt, wie diese radikalen Leute arbeiten. Sie sagen: ‚Ihr seid nicht schuld, wenn ihr etwas gegen die westliche Kultur macht, das ist der Teufel. Ihr kommt als Märtyrer ins Paradies.’ Es hat keinen Sinn, in einer solchen Ideologie zu sein. Er hat gesehen, dass sie versuchen, Menschen für einen Krieg zu gewinnen, der schon verloren ist.“ Manchmal kommt seine Botschaft also an. „Von 100 Konversationen sind 90 positiv“, lacht Ahmad. „Zehn sind Morddrohungen oder Leute, die schreiben: Geh zurück nach Hause. Dabei schreibe ich doch von zu Hause. Viele erwarten dann Schimpftiraden. Wenn ich normal antworte, kommen wir ins Gespräch.“

In der Küche scheppert Geschirr. Ahmads Frau Farhana deckt den Esstisch, über dem in schwarz mit goldenen Lettern die „Thron-Sure“ hängt, die die Erhabenheit Gottes zelebriert. Farhana serviert würzigen Chai und Fruchtkuchen mit Sahnecreme. Auch bunten, süßen Reis gibt es, Nudelsalat und Sesamcracker. Sie setzt sich an den Tisch, hört zu, was ihr Mann erzählt. Selbst will sie nicht in den sozialen Netzwerken aktiv werden, hat lieber ihren Frieden. 

„Leute, die radikalisiert werden, suchen nach Identität“, spricht Ahmad aus seinen Erfahrungen. „Nationalisten haben Angst um ihr Volk. Alles ist bunt, wir wollen kein bunt. Diese Einstellung wird zur Identität.“ Ein weiterer Punkt sei Frustration und Opferstatus. „Jemand, der in Afrika sitzt, nichts hat und einen Amerikaner in seiner Villa sieht: Das löst Neid aus. Die Extremisten nutzen das, sagen: ‚Komm zu mir, ich gebe dir Halt.‘ Oder bei den Rechtsradikalen: ‚Das Land wird überfremdet, du musst kämpfen‘.“ Stereotypen wie geschlagene Frauen mit Kopftuch, unterdrückte Muslime, würden als Basis dienen. Durch die sozialen Medien sei diese Meinung stärker an die Öffentlichkeit gekommen. „Die Lösung, die dann gegeben wird, ist nicht Dialog, sondern, sich in die Luft zu sprengen.“ Ahmad nippt an seinem Chai und knabbert an einem Sesamkeks. „Menschen haben keine Perspektive, erfahren Rassismus, da schleusen sich Extremisten ein.“ Darin seien sich Rechtsradikale und Salafisten ähnlich. „Im Grunde ist es Fundamentalismus, eine Weltsicht, die man anderen aufdrängen will. Sie bewegen sich in gleichen Denkmustern, beide fürchten, dass sie von einem Feind ausgelöscht werden.“ Der Verfassungsschutz meldet 11200 Salafisten10 in Deutschland, 24000 Personen mit rechtsextremistischem Potenzial11, davon die Hälfte gewaltorientiert. „Beide Strömungen begünstigen einander, benutzen die gleichen Methoden. Auf den höchsten Ebenen - Ku-Klux-Klan und IS - findet natürlich kein Dialog statt.“ Deshalb müsse man von unten Dialog herstellen: „Kuck doch mal auf die andere Seite! Damit die Pyramide anfängt zu wackeln.“ Für diesen Dialog brauche es ein gewisses sprachliches Niveau, aber auch die Fähigkeit, Satire zu verkraften. „Was ist das für ein Glaube, für eine Identität, die keine Kritik aushält? Deshalb darf man nicht ausrasten. Natürlich ist es einfacher, andere Identitäten anzugreifen als die eigene in Frage zu stellen. Ich muss eine so starke Identität haben, um mit allen Menschen klarzukommen.“ Dabei hilft ihm sein Glaube. „Man muss Frieden erlebt haben, um ihn anderen zu präsentieren.“ Diesen findet Ahmad in Gebeten: Beim Fajj’r vor Sonnenaufgang, dem Dhuh’r wenn die Sonne am höchsten steht, dem Ish’aa abends. Oft betet er zusammen mit anderen in der Moschee. Die Gemeinschaft erfüllt ihn, doch einiges muss er mit Gott alleine ausmachen. 

40000 Ahmadiyya-Muslime gibt es in Deutschland12, ihr Kalif sitzt in London. Die Gemeinschaft besitzt einen Fernsehsender und einen Verlag und ist in Hessen seit fast sechs Jahren als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt13, was sie mit christlichen und jüdischen Religionsgemeinschaften gleichstellt. Die Ahmadiyya präsentieren sich als weltoffene Muslime, die sich für Barmherzigkeit, Gleichberechtigung und gegen Gewalt einsetzen. Trotzdem ernten sie Kritik. Die Soziologin Necla Kelek erwähnt in einem Interview14 mit Deutschlandfunk starke soziale Kontrolle, die kaum Möglichkeiten biete, außerhalb der Gemeinschaft ein Leben aufzubauen. Ahmad kann das nicht bestätigen. „Ich habe viele nicht-religiöse Freunde. Wir gehen essen, bowlen oder ins Kino. Und reden dann natürlich auch über die AfD“, lacht er. Generell lacht Ahmad gern und viel, auch im Gespräch. Auf seinen Profilbildern sieht er die User nachdenklich durch seine schwarze Brille an. Humor sei eine weitere Art, für Offenheit zu kämpfen - wie es die Datteltäter auf YouTube15 machen. „Ich finde wichtig, was sie tun. Zeigen: Man kann mit dem Kopftuch satirisch sein.“ Das funktioniere auch bei ihm. „Ich habe gepostet: Halalfleisch im Supermarkt - Islamisierung läuft. Das haben die Leute humorvoll aufgefasst.“ Nicht so einen anderen Tweet, wo ihm das Lachen fast vergangen ist. Islamisierung = Entnazifizierung lautete dieser und sorgte für Aufschreie und Drohungen. „Das war ein Test, wie stark die AfD-Hetze in der Bevölkerung angekommen ist. Es war ein Provokationstweet“, erklärt Ahmad. Ein AfD-Anhänger fragte ihn, ob er tatsächlich das Land islamisieren wollte. Ahmad lacht. „Ich habe 6000 Follower, wie soll ich mit meinem Account Deutschland islamisieren? Das ist doch völlig lächerlich.“ Sein Verständnis von Islamisierung sei die Aufklärung. „Ich versuche, islamische Werte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Christliche Werte werden in der Gesellschaft akzeptiert. Mein Versuch, den Begriff Islamisierung positiv zu besetzen, hat nicht geklappt. Die Angst ist zu stark“, musste der Blogger mit dem langen schwarzen Kinnbart feststellen. Darauf folgten Morddrohungen und anonyme Anrufe. Eine Frau wünschte ihm über Facebook, dass er nicht mehr lange lebe. Normalerweise postet sie Bilder von vermissten Hunden und setzt sich für steuerfreie Rente ein. Harmlosere Kritiker nennen seine Tweets argumentationslos, heuchlerisch. Zu genaueren Ausführungen oder Begründungen war keiner bereit. 

Yusuf hat sich am Schrank gestoßen, kommt zu seinem Papa, der den Finger küsst. Schnell ist der Schmerz vergessen, er springt mit seinem Bruder lachend über die Stühle im Esszimmer. „Jetzt ist bald Schlafenszeit“, kündigt Ahmad an. „Noch nicht“, meint Yusuf, „erst noch spielen!“. Da hat er recht, meint der Papa. „Ich möchte fester Bestandteil ihrer Entwicklung sein“.

Um seine Familie bekommt er nach den Drohungen auch mal Angst. „Aber ich glaube, die Gefahr ist nicht so groß, dass die tatsächlich nach mir suchen.“ Trotzdem wechselt der Front-End-Entwickler seinen Job, zieht bald um, will seine Telefonnummer ändern. „Das ist das Risiko, das man eingehen muss, wenn man sich für die Gesellschaft einsetzt.“ Die Drohungen hat er an die Kriminalpolizei weitergegeben, die ihm eine Kontaktperson zugeteilt haben, die sie prüfen werde. „Die Profile sind immer noch aktiv. Auch bei Facebook passiert nichts.“ Selbst das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das seit 1.1.2018 in Kraft ist und für Angst um Meinungsfreiheit sorgte, habe wenig Effekt, findet Ahmad. Alexandra Koch-Skiba von der eco-Beschwerdestelle gibt für 2017 über 27000 gemeldete Beschwerden16 an. Davon hat das Institut knapp 15 Prozent als berechtigt eingestuft und ist dagegen vorgegangen. Seine eigene Meinung tut Ahmad auf seiner Webseite mit dem Namen ich-bin-muslim-vertrau-mir.de17 kund. „Das Vertrauen gegenüber Muslimen ist durch viele Ereignisse gebrochen worden - allen voran 9/11“, klärt er über den Namen auf. „Er hat das Bild des Islams als gleichberechtigte, gesellschaftsfähige Religion zerstört. Wörter wie Islamismus kamen in die Medien. Vor 100 Jahren war ein Islamist ein Student der Islamwissenschaften - heute sind das Terrorattentäter. Es wurden keine Maßnahmen ergriffen, um dieses negative Bild zu lösen.“ Der Name seines Blogs sei eine Aufforderung, dies zu ändern. „Viele Leute haben Angst vor Muslimen, dahinter steht Misstrauen. Die Aufforderung „vertrau mir“ ist nicht imperativ, es heißt vielmehr: Vertrau mir wieder.“ Sponsoren nimmt er für seine Seite nicht an. Er versucht darin nicht nur, über den friedlichen Islam aufzuklären, sondern schreibt auch Gedichte. 

"Das Leben ist nicht lebenswert 

wenn der Mensch sich nicht ums Leben schert. 

Das Leben ist nicht erstrebenswert

wenn Mitleid nicht gewesen wär’. 

Das Leben ist nicht der Rede wert, 

wenn es nur getrennte Wege lehrt. 

Das Leben ist erst lebenswert, 

wenn Liebe wird zum Lebenswerk,"

heißt es in einem. Auch seine Arbeit als Aktivist sieht er als Akt der Liebe an. „Jeder Muslim muss versuchen, seine Lehre auf die ganze Menschheit zu projizieren. Nicht im Sinne von: Alle werden Muslime, sondern Werte wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Liebe gegenüber allen Menschen vertreten. Gott sagt: Ihr werdet alle zu mir zurückkehren, nicht nur Muslime.“ Vergebung für alle - selbst für die, die ihm Morddrohungen schicken, für Nazis und Terroristen? 

„Ja, natürlich“, sagt Ahmad, ohne einen Moment zu zögern. 

(C) Sandra Andrés, 2019


Popstar Prypjat

Online-Beitrag

Habt Ihr Euch manchmal gefragt, was aus der verseuchten Gegend um Tschernobyl geworden ist? Wie es dort heute aussieht? Suede sind in ihrem neuen Video zu Life is Golden dieser Frage nachgegangen. 

Das ukrainische Prypjat war eine Kleinstadt für die Arbeiter des nur vier Kilometer entfernten Atomkraftwerks in Tschernobyl. Seit dem Reaktorunglück 1986 ist sie eine Geisterstadt. Genau das zeigt auch das Video der britischen Popband: Verlassene Wohnungen, von denen der Putz abbröckelt, ein verrosteter Autoscooter - Überbleibsel eines Vergnügungsparks, der nie eröffnet werden konnte -, ein leerer Pool, eine Turnhalle, Glassplitter überall. Doch nicht alles hat die radioaktive Verseuchung weggefressen. Bäume, höher als die Wohnblöcke, ragen triumphierend über die Betonwüste hinweg. Das sei auch die Botschaft im Video der Britpopper, so Regisseur Mike Christie: Die “unaufhaltbare Kraft des Lebens”. 








Golden glänzt auch die verrostete Poolhalle in Prypjat - doch Leben gibt es hier nicht mehr

Die Single Life is golden ist auf Suedes neuem Album, das am 21. September erschienen ist.

© Sandra Andrés 2018


Ein Hoch auf die Träumer

Filmkritik

In LaLaLand ist fast alles möglich. Singen und Steptanzen über den Hügeln von Hollywood, eine Welt grellbunter Farben, einfach Abheben und durchs Observatorium fliegen. Und trotzdem holt die Realität die Protagonisten bald ein.

Schauspielerin Mia und Pianist Sebastian sind auf der Suche nach dem großen Durchbruch in der Stadt der Träume. Dabei finden sie sich erstmal gegenseitig. Während sich ihre eigenen Träume immer mehr verwirklichen, merken sie, dass sie um ihre Beziehung immer mehr kämpfen müssen. 

Das Musical von Autor und Regisseur Damien Chazelle passt so gar nicht in die Reihe der Hollywood-Blockbuster der letzten Jahre. Es reiht sich jedoch schön in eine Serie von Klassikern ein, in denen gesungen, gesteppt und getanzt wurde und die bis heute unvergessen sind. Diesen und vielen anderen huldigt LaLaLand: Ryan Goslings (Sebastian) und Emma Stones (Mia) Tanz vor der Skyline der „City of Stars“ erinnert an Step-Traumpaar Fred Astaire und Ginger Rogers. Darauf folgen ein Date in Film-Rebell James Dean’s Sternwarte, ein Spaziergang durch Originalsets, durch Paris, und nicht zu vergessen einsame Solos am Klavier im Casablanca-Stil. Im großen Finale kommt Mia dann von allen Spelunken dieser Welt auch noch ausgerechnet in Sebastians. Auch für die, die nicht wissen, wer Fred und Ginger sind, ist das Musical interessant. LaLaLand ist bunt, aber nicht schrill. Eine klassische Liebesgeschichte, die doch perfekt ins 21. Jahrhundert passt. 

Das alles untermalt Chazelle’s Stammkomponist Justin Hurwitz mit abwechslungsreichen und stimmungsvollen Jazz-Rhythmen, die alles sagen, was man über den Film wissen muss. Dass die beiden Jazzfans sind, weiß die Filmwelt seit „Whiplash“, obwohl der im Kontrast zu LaLaLand die erbarmungslose Realität von Jazz-Musikern aufzeigte. Eines haben sie jedoch gemeinsam: beide Filme zeigen das harte, wetteifernde Leben junger Künstler, die kompromisslos ihren Traum verfolgen. Und auch Mia und Sebastian merken bald, dass ihre Träume einen Tribut fordern. Ob es diesen Tribut wert ist, zu zahlen, kann am Ende jeder Zuschauer für sich entscheiden. Zwei Stunden lang darf der Zuschauer mit Mia und Sebastian mitträumen, -schweben und -singen, bevor die große Karrierechance sie zurück in die Realität holt. 

Gosling und Stone sind keine professionellen Sänger. Das merkt man, aber trotzdem bringen sie ihren Teil glaubwürdig und sympathisch rüber. Und wenn Gosling tanzt, entschädigt das mindestens die Frauenwelt. 

Für manche mag schon der Titel zu kitschig oder sinnlos sein. Doch hoffnungslose Hollywood-Romantiker kommen bei LaLaLand voll auf ihre Kosten. Neben seiner Hommage an die Klassiker hat er durch glaubhafte Performances, starken Soundtrack und seine zeitlose Botschaft selbst großes Klassiker-Potenzial. Aber auch für Leute, die ein paar Stunden Unterhaltung mit guter Musik suchen, lohnt es sich, den Streifen zu sehen. Und ganz besonders für alle Narren, die nie aufhören, zu träumen.

© Sandra Andrés 2018



Netz-DG: Ein Gesetz für die reale Welt

Kommentar

Am 1. Januar ist in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nach Ablauf der Übergangsfrist in Kraft getreten. Das Gesetz verpflichtet Onlinenetzwerke dazu, Hassreden und sogenannte Fake News zu entfernen. Seitdem hat es viel Kritik geerntet. Journalisten befürchten Zensur, die Vereinten Nationen eingeschränkte Meinungsfreiheit.
Dabei sollten gerade Journalisten es besser wissen. Der deutsche Presserat gibt vor, dass Pressefreiheit endet, wo Schmähkritik beginnt und die Menschenwürde verletzt wird. Mehr als 45 Millionen Deutsche nutzen soziale Netzwerke*. Diese liefern den Nutzern täglich News und Kommentare. Sollte sich eine so große Plattform nicht an die gleichen Regeln halten wie andere Medien? Eine Radiosendung in der jemand sagt, alle Flüchtlinge sollten verbrannt werden, würde kaum gesendet, mindestens aber abgebrochen werden. Eine Tageszeitung, die Angriffe meldet, die nie stattgefunden haben, müsste eine Gegendarstellung verfassen. Das NetzDG hat nun die Regeln des Presserats auf das restliche Volk ausgeweitet, das sich regelmäßig in den sozialen Medien austobt. Stellt sich die Frage: Hat der Journalist gegenüber der Öffentlichkeit so viel mehr Verantwortung, dass diese Einschränkung nur ihn betreffen sollte? Zahlreiche User können Posts lesen. Sie liken menschenverachtende Kommentare und teilen Fake News. Damit kommt jedem User eine große Verantwortung zu. Wenn er verantwortungslos handelt, soll das NetzDG die Verbreitung der Hasskommentare und Fake News verhindern und den Schaden an der geschmähten Person mindern. 
Wenn soziale Plattformen wie Facebook der Meinung sind, dass ein Paar nackter Brüste der Welt nicht zuzumuten sind, dann sollten sie die gleiche Konsequenz bei Morddrohungen und Hasstiraden haben. Alles andere wäre Heuchelei.
In einer idealen Welt würden Onlinenetzwerke das wohl selbst erkennen und Journalisten nur gut recherchierte, nicht schmähende Artikel schreiben. Doch in der realen Welt braucht es dafür Regeln und Gesetze.

© Sandra Andrés 2018


Überraschend gut

Kritik (Konzert) 

Als sie die Bühne betreten, jeder hinter sein Instrument geht und keiner als Frontman hinter dem Mikro steht, kommt zuerst die Frage auf: Wo ist der Sänger? Dann beginnt das erste einer Reihe von Videos auf einer Leinwand hinter der Band. Alte Nachrichtenausschnitte, Demonstrationen, Reden. Der “Sänger” ist der Nachrichtensprecher, sind die schreienden Menschen, die NASA. Public Service Broadcasting spielen dazu: Keyboard, Gitarre, Bass - sogar Flügelhorn und Vibraslap, der - wie der Name prophezeit - dem Lied den abschließenden Schlag gibt. Die Band interpretiert Bilder, Gefühle, Stimmungen, Situationen. Seit 2009 sind sie als Gruppe zusammen, nachdem Gitarrist J. Willgoose anfangs Musik im Soloprojekt gemacht hatte. Ihr aktuelles Album, “Every Valley”, ist ihr drittes. Wie ihre Vorgänger hat es auch einen thematischen Schwerpunkt: die Minenindustrie. 

Im ungefähren drei-Minuten-Takt geht es weiter: Yuri Gagarin und Sputnik im perfekten Einklang mit der Musik. Stilistisch liegen sie dabei gar nicht so weit vom aktuellen Album der Editors entfernt: Elektronische Instrumente, eingängige Melodien, dramatische Wendungen. Doch das Ersetzen des Gesanges durch Kommentatoren, die Kombination von Nachrichten und Archivfilmen mit Instrumenten, das ist mehr als nur ein informativer Dienst für die Öffentlichkeit. Public Service Broadcasting haben tatsächlich geschafft, was im 21. Jahrhundert unmöglich schien: sie haben das Konzept von Musik neu erfunden. Und was fast noch erstaunlicher ist: Als nach 40 Minuten ihr Auftritt endet, wünscht man sich tatsächlich, dass sie noch ein Weilchen spielen würden. 

© Sandra Andrés 2018


 

RICHTER UND PSYCHOLOGEN MITSCHULDIG AN DREI TOTEN?

Übung Boulevardisierung

Frankfurt (Oder) - Der 24-jährige Jan G., der im Februar letzten Jahres seine Oma abgeschlachtet haben soll, steht derzeit vor Gericht. Dieses muss jetzt entscheiden, ob der mutmaßliche Täter in Therapie oder in den Knast soll.

Eine schwere Kindheit hat er gehabt. Im aktuellen Gerichtsverfahren erzählt er von Vergewaltigung und grober Vernachlässigung. Seine Mutter wechselt oft die Partner, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Bereits mit neun Jahren landet er zum ersten Mal in der Jugendpsychiatrie. Es folgen Drogensucht und Jugendheim. Schon da zeigt sich, wie gewaltbereit Jan G. ist: Als er entlassen wird, attackiert er einen Kollegen mit einem Messer. Er droht seiner Ex-Freundin und dem Partner seiner Mutter mit Mord. Dazu kommt Kleinkriminalität: er klaut Alkohol und Drogen, fährt ohne Führerschein. Ende 2016 steht er vor Gericht. Dieses lässt Jan G. laufen - weil ein Psychiater Schizophrenie diagnostiziert. Schizophrene müssen behandelt werden, nicht bestraft. Mit einer Packung Medikamenten ausgestattet, bringt das Gericht ihn bei seiner Oma unter. Sonst will ihn keiner. 

Als er am 28. Februar 2017 nach Hause kommt, ist er wieder auf Drogen. Nach einem Streit mit der 79-jährigen Grossmutter schlägt er sie mit Faust und einer Prozellandose brutal nieder. Dann sticht er zur Sicherheit noch mit einem Messer auf sie ein. Er habe ihr das Krankenhaus ersparen wollen, gibt der Messerstecher zu. Danach schnappt er sich das Auto der Großmutter und fährt mit einem Mördertempo rücksichtslos über die Landstraße. Auf einer rasanten Todesfahrt fährt er zwei Polizisten um. Die beiden Familienväter sind sofort tot. 

In einem neuen Gutachten kritisiert der renommierte Psychiater Hans-Ludwig Kröber seine Kollegen heftig. Er sagt, dass sie den Angeklagten in früheren Verfahren „psychiatrisiert“ hätten - das heißt, dass damalige Gutachter eine psychische Krankheit falsch diagnostiziert hätten und der Täter dadurch seiner gerechten Strafe entging. Kröber hingegen stellt eine Persönlichkeitsstörung fest. Er nennt den Angeklagten manipulativ und diagnostiziert ein „psychopathisches Verhalten“. Jan G. müsse ins Gefängnis, nicht in die Psychotherapie. Dort lerne er, sich an Regeln zu halten. Es bleibt zu hoffen, dass das Gericht auf den Gutachter hört und nicht die Fehler der Richter und Psychologen vor zwei Jahren wiederholt. 

Originaltext: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/eigene-grossmutter-ermordet-15375980.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 

© 2018 Sandra Andrés


 

Die Show muss weitergehen

Mini-Reportage

Die Sonne brennt auf den Frankfurter Römerplatz. Ein Bus verlässt ratternd und quietschend die Haltestelle. Eine Reiseführerin erklärt einer Gruppe Spanier die Geschichte der sechs Fachwerkhäuser. Englische Touristen bestellen Mandeleis in handgemachter Waffel, ein leichter Wind weht einer der Frauen die Haare ins Eis. Ein Mann in Wanderschuhen sitzt neben seinem Rucksack auf der Römerteppe und betrachtet wie die Leinwand für den IronMan im Wind schaukelt. Eine Clownfrau lädt auf einem Hocker zum Foto mit ihr ein. Das höchste Bankenhochhaus der Stadt leiht der Paulskirche einen zweiten Turm. Die Glocken des Doms verkünden viertel vor fünf.

Der Römer in Frankfurt ist nicht nur das Rathaus seit 1424, sondern auch eine beliebte Sehenswürdigkeit. Sein Namen hat nichts mit dem großen Imperium zu tun. Der damalige Frankfurter Bürgermeister kaufte das Gebäude von den Brüdern und der Witwe zum Römer für 800 Gulden. 

Auch Straßenkünstler versuchen ihr Glück an dem geschäftigen Ort. Die Clownfrau buhlt mit hupähnlichen Mundgeräuschen um die Aufmerksamkeit der Passanten. Die meisten gehen weiter. Dabei ist sie in ihrem rot-gelb-blau karierten Kostüm und dem grellroten Hut kaum zu übersehen. Manche lächeln im Vorbeigehen. Ein Mann bleibt stehen, wirft eine Münze ein. Sie umarmt ihn, die Blume auf ihrem Hut verbeugt sich vor ihm. 

Eine Straßenbahn, fast so bunt wie die Clownfrau, fährt vorbei. Ein großer, roter Van vor ihr blockiert jetzt mögliche Zuschauer. Sie packt ihr Körbchen und den Hocker und setzt sich in den Schatten gegenüber dem Gerechtigkeitsbrunnen. Justitia ist am Römer nicht blind. Die Frau sieht zu ihrer stolz erhobenen Waagschale auf. 

Sie zündet sich eine Zigarette an. Ein Kollege in schwarzem Frack, Samthose, spitzem, dreieckigem Hut und langen weißen Socken gesellt sich zu ihr. Sie unterhalten sich in fremder Sprache mit vielen sch. Ein Fußgänger rempelt ihn an und reißt ihm beinahe den Hut vom Kopf. "Oh!", ruft der schwarz bekleidete Mann nur. Der Fußgänger läuft weiter, beachtet ihn gar nicht. Der Freund im Frack raucht ein Weilchen mit der Clownfrau, dann zieht er weiter. Sie nutzt die Pause, um in einen kleinen, roten Spiegel zu schauen. Ihr Make-up ist bei der glühenden Hitze verronnen. Sie schminkt mit rotem Lippenstift nach, trinkt Wasser, zählt die Einnahmen in ihrem Korb. Ob es wohl reicht, um Feierabend zu machen? Noch lange nicht. 

Seit Stunden steht sie hier. Die langen Kleider kleben an ihr, verschwitzte Haarsträhnen quellen unter dem Hut hervor. Müde Augen blicken auf die Uhr. Sie packt ihr Wasser ein, steht auf und stellt sich wieder an den äußersten Rand des Schattens. Winkt, hupt, lächelt.

© 2017 Sandra Andrés



Woran Spanien wirklich zerbricht

Kommentar

Katalonien hat über die Unabhängigkeit abgestimmt. Sie haben gewählt, obwohl es Gesetz und Regierung verboten haben. Verfassungswidrig sei eine Wahl über einen Staatsbruch, laut Madrid. Aber die Katalanen waren ungehorsam. Gut so! Ungehorsam ist angebracht, wenn Gesetze demokratisches Verhalten verhindern.

Fast 2.000.000 Personen haben der Unabhängigkeit, oder einem eigenen Staat, zugestimmt. Wenn man bedenkt, dass es etwa 5.500.000 Katalanen mit Wahlrecht gibt, sind das gerade ein gutes Drittel.
Stellt sich die Frage, wieviele sich einschüchtern ließen und deshalb nicht abstimmten.

Kann man annehmen, dass nur wenige das Gesetz brachen um zu wählen, was ohnehin schon der derzeitige Standpunkt der Regierung ist? Lässt sich daraus schließen, dass nur ein Drittel der katalanischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit ist?
Das würde vor allem zwei Dinge bedeuten: erstens, dass es nicht so viele sind, wie die Spanier oft annehmen. Zweitens, dass die spanische Regierung vermutlich gewinnen würde, wenn sie ein tatsächliches, legales Referendum ansetzen würden, wie es zB die Schotten gemacht haben. Warum lässt sie dann nicht ein Volk auf legale und demokratische Art wählen? Warum schafft sie die Sache nicht ein für allemal vom Tisch? Zuviel Angst vor der leisen Dunkelziffer?
Stattdessen schaltet Madrid auf stur. Gegen die Organisatoren der Befragung (denn etwas anderes war es letztendlich nicht) leiten sie Strafmaßnahmen ein. Auf internationaler Ebene macht Spanien sich damit zur Lachnummer.
Was erreicht die Regierung mit dieser Angst vor einer Wahl? Nichts, als zu beweisen, dass die Demokratie nur auf dem Papier existiert; dass Präsident Mariano Rajoy keinen Dialog zulässt; und dass Leute, denen vor sechs Monaten die Unabhängigkeit noch völlig egal war, jetzt vermutlich dafür stimmen würden. Einfach, weil man sie verärgert hat, man ihnen ein Stimmrecht verweigert hat. Und weil sie keine Zukunft in einer Regierung sehen, die nicht verhandelt, in der sie ihre Meinung nicht sagen dürfen.
So schafft man es wirklich, einen totalen Bruch zu provozieren.

© 2016 Sandra Andrés


   

Unsicherheitskontrolle 

Glosse

Sommerzeit - Urlaubszeit. Um 9.25 Uhr steht Frau Sonne am Sicherheitscheck des Frankfurter Flughafens. Der Süden wartet auf sie. Brille, iPad, Handy und Schuhe ordentlich in Boxen sortiert. Ihre unter-100-ml Zahnpasta, ihr unter-100-ml-Parfum und ihre unter-100-ml-Handcreme in einer durchsichtigen Plastiktüte, extra. 

„Noch etwas in den Hosentaschen?“, fragt der Sicherheitsbeamte. Frau Sonne kramt ein verknittertes Taschentuch hervor. Gräbt tiefer und findet zwei Hundeleckerli. „Das muss weg“, weist der Beamte sie an. Sie wirft beides in den Mülleimer. Jetzt ist sie bereit für das erste Mal im lange umstrittenen Körperscanner. Wie auf den Stickern vor ihr angewiesen, streckt sie die Hände nach oben. „Bitte genau auf die gelben Zeichen stellen!“, ruft die Beamtin auf der anderen Seite. Frau Sonne sieht nach unten auf die gelb aufgemalten Füße und stellt sich darauf. Sie darf weiter. Am anderen Ende muss sie die Augen zusammenkneifen, um ohne Brille ihre Sachen ausfindig zu machen. Sie packt sie wieder in die Tasche. Alles kein Problem für Frau Sonne. Sicherheit geht vor. 

Nur eines wurde nirgendwo kontrolliert: ihr Ausweis und somit, ob Frau Sonne eigentlich Frau Regen oder Herr Meistgesucht ist. 

Bei ihrem Rückflug ist es übrigens genauso. Nur, dass ihre Plastiktüte für die Flüssigkeiten diesmal nicht korrekt geschlossen ist und sie eine neue braucht. „Beim Hinflug war das egal“, sagt sie lächelnd zum Sicherheitsbeamten. „In Frankfurt?“, fragt der Beamte. „Würde ich nie wieder von dort fliegen, wenn das so unsicher ist.“ 

© 2017 Sandra Andrés


Grabesstimmung statt Feuertanz

Rezension

Kurz nach neun Uhr gingen gestern in der Hessentagsarena in Rüsselsheim die Lichter an und die vierköpfige Indie-Band Kings of Leon betrat die Bühne. Einheitlich in schwarz-weiß gekleidet, starteten sie den Abend mit dem relativ langsamen, nostalgischen „Over“ aus dem aktuellen Album „Walls“.
Zuvor hatten Sänger-Songwriter Vincenzo Tunnera und die Newcomer Deaf Havana aus London für Stimmung gesorgt. Tunnera hatte es trotz kräftiger Stimme und solider Texte bei dem rocklastigen Publikum schwer. Seine akustischen Balladen passten gut zur Sommerabend-Stimmung mit Bier und Apfelwein, rissen aber nur wenige mit.
Deaf Havana betraten die Bühne mit viel Energie und gewannen beim Publikum schnell Sympathie. Trotz technischer Probleme und blendender Abendsonne kamen die eingängigen Rocksongs gut an, Sänger James Veck-Gilodi bewies Humor indem er über das 8€-Bier lachte und bedankte sich nach fast jedem Titel fürs Zuhören. In Deutschland noch kaum bekannt, stieg ihr Album in UK gleich auf Platz fünf ein.
Kings of Leon präsentierten einige Lieder aus ihrem neuen Album, unter anderem „Reverend“, „Find me“ und Namensträger „Walls“. Aber auch ältere Hits wie „Use Somebody“, „On Call“, „Pyro“, „Crawl“ und „Supersoaker“ und Klassiker wie Sex on Fire spielte die familiäre Band aus Nashville souverän. Im Hintergrund wurden stimmungsvolle Videos dazu eingespielt. Der Kontakt zum Publikum blieb trotzdem aus. Vielleicht lag es daran, dass Frontman Caleb Followill kaum zwei Sätze an die Zuschauer richtete, vielleicht war die Show zu souverän, hatte nicht genug Feeling, vielleicht ist das neue Album in Deutschland nicht so gut angekommen (obwohl es Platz zwei in den Albumcharts war). Vielleicht hatte Rüsselsheim auch einen von Garfields Montagen. Doch die Stimmung pendelte von Anfang bis Ende fast konsequent zwischen Pensionistenausflug und Beerdigung. Die Ballade „Walls“ verschwand irgendwo zwischen Gesprächen der stocksteifen Besucher. Nur bei „Sex on Fire“ stieg die Motivation kurzzeitig an und es wurde fest mitgegröhlt. Auch ihr letzter Beitrag und aktuellster Hit „Waste a Moment“ konnte das doch sehr junge Publikum nicht mehr animieren, und so vergeudete es auch diese letzten Momente wörtlich. Schade.
Nach knappen 90 Minuten gaben Kings of Leon auf und packten ein. Die Forderung nach Zugabe einiger weniger hartnäckiger Kämpfer konnte daran auch nichts mehr ändern.

© 2017 Sandra Andrés


© Sandra Andrés. Sämtliches Textmaterial auf dieser Seite unterliegt dem gesetzlichen Urheberrecht.